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Programm

Donnerstag, 11. Juni 2026

ZeitInhalt
08.30 – 09.15Ankommen / Begrüssungskaffee
09.15 – 09.30Tagungseröffnung
09.30 – 10.30Keynote I
10.30 – 10.45kurze Pause (Raumwechsel)
10.45 – 12.15Parallele Angebote
12.15 – 13.15Mittagspause mit Stehlunch
13.15 – 14.15Keynote II
14.25 – 15.55Parallele Angebote
15.55 – 16.20Pause mit Nachmittagsverpflegung
16.20 – 17.50Parallele Angebote
18.00 – 18.20Tageszusammenfassung
ab 18.30 Uhr Netzwerkanlass (muss separat gebucht werden)

Keynote I – 9.30 – 10.30 Uhr

Prof. Dr. Olivier Steiner und Dr. Eike Rösch

Wenn es um Soziale Arbeit unter den Bedingungen von Digitalität geht, dann stellt sich die Frage, was ihre Aufgaben und Herangehensweisen sind, aber auch welche Konzepte sie hierfür zugrunde legt. Mit fortschreitender Digitalisierung der Arbeitsvollzüge und Lebenswelten von Adressat:innen zeigen sich zunehmend Spannungsfelder sowie die Komplexität der ‚digitalen‘ Herausforderungen. In diesem Beitrag versuchen wir anhand konkreter Praxisbeispiele diese Fragestellungen zu diskutieren und die verschiedenen Aspekte in einen systematischen Zusammenhang zu bringen – als Ausgangspunkt für die weitere Diskussion.

Parallele Angebote 10.45 – 12.15

Johannes Jungbauer

Wer Menschen professionell beraten und begleiten will, braucht gute Kompetenzen in Gesprächsführung und Kommunikation. Um diese zu erlernen, gibt es im Studium der Sozialen Arbeit (wie auch in psychologischen und medizinischen Studiengängen) praxisorientierte Seminare für Gesprächsführung und Beratung. Meist erhalten Studierende im Rahmen von angeleiteten Rollenspielen die Möglichkeit, beraterische Techniken aktiv zu erproben und dadurch ihre kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern. Das Projekt, das in diesem Workshop vorgestellt und diskutiert werden soll, wagt hier einen mutigen Schritt und fragt: Lassen sich die Basics psychosozialer Beratung auch – vielleicht sogar besser – erlernen, wenn die KI als „Trainingspartner“ die Rolle eines Klienten oder einer Klientin übernimmt? Ähnlich wie angehende Pilot:innen das Steuern eines Flugzeugs im Flugsimulator trainieren, können möglicherweise Studierende der Sozialen Arbeit beraterische Kompetenzen in Gesprächen mit virtuellen Klient:innen erlernen. Auf der Grundlage realer Praxisfälle und in Zusammenarbeit mit professionellen Berater:innen, Schauspieler:innen und KI-Expert:innen wurde ein interaktives Trainingsprogramm entwickelt, in dem KI-gesteuerte Avatare die Rolle von Klientinnen und Klienten übernehmen. Diese sind auf dem Computerbildschirm zu sehen und reagieren in Echtzeit auf sprachliche Äußerungen der Studierenden. Im Rahmen des Workshops sollen bisherige Erfahrungen aus diesem Projekt berichtet und zur Diskussion gestellt werden. Außerdem erhalten die Teilnehmenden die Gelegenheit, das KI-gesteuerte Trainingsprogramm selbst auszuprobieren und ein kurzes Beratungsgespräch mit einem virtuellen Klienten zu führen.

C. Rüegger, A. Thomas

Long Covid (LC) ist eine multisystemische Erkrankung, die häufig chronifiziert. Rund 10 % der Betroffenen zeigen das Krankheitsbild von ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom). LC und ME/CFS haben eine starke soziale Dimension: gesellschaftliche Akzeptanz fehlt, das Gesundheitssystem ist unzureichend vorbereitet und sozialversicherungsrechtliche Lücken belasten zusätzlich.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit LC und ME/CFS sind in ihrem Alltag stark eingeschränkt. Ihre körperlichen, kognitiven, sozialen und materiellen Ressourcen sind beeinträchtigt, und ihre Integration in Arbeit, Schule oder Familie ist bedroht. Oft kommt es zu psychischen, sozialen und sozialversicherungsrechtlichen Problemen, was die Krankheitsdynamik verschärfen kann.

Die Beratung und Begleitung dieser Betroffenen in der Klinischen Sozialen Arbeit ist anspruchsvoll. Es existieren keine ursächlichen Therapien. Etablierte Ansätze chronischer Krankheiten müssen überdacht werden. Limitierend ist die Belastungsintoleranz mit postexertioneller Malaise (PEM), dem Leitsymptom von ME/CFS. Aktivierende Massnahmen wirken hier kontraproduktiv. Beratungssettings und Interaktionen müssen an den Schweregrad angepasst werden. Wo Präsenzkontakte nicht möglich sind, eröffnen digitale Formate neue Zugänge.

Unabhängig vom Modus der Begegnung bleibt die Kernfrage: Was müssen Fachpersonen wissen, um Betroffene adäquat(er) unterstützen zu können?

Der Workshop bietet einen Überblick über interdisziplinäres Wissen zu LC und ME/CFS, zeigt methodische Ansatzpunkte zur Bearbeitung der sozialen Dimension – insbesondere für soziale und berufliche Rehabilitation – und schafft Raum für Erfahrungsaustausch.

Anna Lena Rademaker

In einem einführenden Beitrag werden Erkenntnisse zur Relevanz von Begegnungen in der Sozialen Diagnostik aus dem «Multidimensional evidence-based Scoping Review» über Qualitätskriterien Sozialer Diagnostik dargestellt und anhand theoretisch-konzeptioneller Prinzipien professioneller Fallarbeit diskutiert.

Rose Ehemann

In einer Performance werden die Tagungsteilnehmenden über andere Sinne zu einer Auseinandersetzung und Reflexion zum Thema analog und digital angeregt – über Klang, Live-Performance und visuelle Bilder.

Christina S. Plafky

Im Rahmen eines Forschungsprojekts im Jahr 2023 bis 2024 wurde ein KI-gestütztes Tool zur Falldokumentation entwickelt, das speziell auf die Anforderungen der Sozialen Arbeit ausgerichtet ist (Plafky et al., 2025; Plafky et al., eingereicht). Die Besonderheit liegt in der datenschutzkonformen Stand-Alone-Lösung, die Sprachaufnahmen direkt auf dem Gerät in strukturierte Fallnotizen umwandelt. Das System nutzt ein lokales Large Language Model und verzichtet bewusst auf Cloud-basierte Infrastruktur, um sensible Daten zu schützen.

In Usability-Tests mit Fachkräften wurde das Tool in Praxiskontexten erprobt. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig die Balance zwischen Effizienzgewinn und Erhalt fachlicher Reflexion ist. Eine begleitende Befragung von Fachkräften in der deutschsprachigen Schweiz liefert wichtige Erkenntnisse zu Implementationsvoraussetzungen und notwendigen organisationalen Rahmenbedingungen. Basierend auf dem Feedback wurden spezielle Funktionen entwickelt, die sowohl die Qualitätssicherung als auch die professionelle Auseinandersetzung mit Fällen unterstützen – denn bei Implementierung und Nutzung solcher Systeme wird deutlich, dass es nicht allein um technologische Machbarkeit geht. Vielmehr entstehen neue Aushandlungsprozesse zwischen administrativen Vorgaben, professionellen Ansprüchen und technologischen Innovationen (Plafky & Badertscher, 2025).

Der Beitrag diskutiert, wie KI-gestützte Dokumentation erfolgreich in die Praxis integriert werden kann, ohne professionelle Standards zu gefährden.

Die Ergebnisse sind relevant für die Weiterentwicklung digitaler Tools in der Sozialen Arbeit und zeigen Perspektiven für eine datenschutzkonforme Nutzung von KI-Technologien im sensiblen Bereich der Falldokumentation auf.

Juliane Wahren et al

Beziehungsaufbau und -gestaltung sowie die Ermöglichung von Begegnungsanlässen sind Kernelemente der Klinischen Sozialen Arbeit. Durch soziale Unterstützung sollen vor allem der Zugang zu schwer erreichbaren bzw. selten gehörten Adressat:innen geschaffen werden. Die Einbindung in unterstützende Netzwerke ist entscheidend für Gesundheitserhalt und -erlangung dieser vulnerablen Personen. Wie kann es gelingen, in einer gesellschaftlichen Transformation Zugänge zu schaffen, um Begegnungen zu ermöglichen, die grundlegend für den Aufbau von (professionellen) Beziehungen und die Förderung sozialer Unterstützung in der Klinischen Sozialarbeit sind? Unter diesem Gesichtspunkt geraten generative KI und Large Language Models (LLM) in den Blick, die die Grundlagen sozialer Begegnungen berühren. Daher werden in diesem Beitrag Einschätzungen von Sozialarbeitenden unter der Fragestellung analysiert und ausgewertet, wie LLMs diese Beziehungsebene verändern.

Die empirische Grundlage des Beitrags bilden Freitextantworten aus der DIGITASA-Befragung 2025 (n=662) (www.digitasa.de). Die Befragung ist nicht repräsentativ und aus den Antworten lassen sich insofern keine Aussagen über die Professionsangehörigen insgesamt ableiten, sie können aber exemplarisch Überlegungen aus der Praxis aufzeigen. Neben der Hoffnung, dass die Nutzung von LLMs Ressourcen und Potentiale für die Interaktion mit den Adressat*innen erschließen kann, werden zugleich bedenkliche Auswirkungen auf die Beziehungsebene erwartet. , u.a. über Veränderungen der Kontaktqualität und -häufigkeit. Unser Beitrag bezieht diese Bedenken unter der Perspektive von Überlegungen aus der Literatur auf konkrete Anwendungsbeispiele von LLMs und diskutiert mögliche Veränderungen für die Beziehung zwischen Fachkräften und Adressat:innen vor allem von hard-to-reach Gruppen der Klinischen Sozialen Arbeit.

Julia Rehn


Menschähnliche agierende KI-Chatbots dringen zunehmend in beratende und therapeutische Kontexte vor und stellen die psychosoziale Beratung vor neue Herausforderungen. Der Vortrag beleuchtet die psychologisch wirkenden Mechanismen solch digitaler Gesprächspartner:innen auf die Klient:innen – etwa wie sie Beziehungsgestaltung und Empathie simulieren und dadurch quasi-soziale Beziehungen fördern können. Anhand einer qualitativen Einzelfallstudie eines depressiven, suizidalen Klienten, welcher über drei Jahre hinweg sowohl Psychotherapie, Telefonseelsorge und Krisendienst als auch einen KI-Chatbot nutzte, wird das Spannungsfeld zwischen humanoider und KI-basierter Beratung aufgezogen. Die Fallvignette zeigt, wie der Klient den Chatbot als jederzeit verfügbaren, nicht-wertenden Begleiter erlebte, der ihm in Krisenzeiten Verständnis und Sicherheit bot. Zu den Chancen zählen niedrigschwellige, anonyme 24/7-Unterstützung, Überbrückung von Wartezeiten oder nächtlichen Krisen. Demgegenüber stehen Grenzen: Ein Chatbot kann komplexe Problemlagen missverstehen und ersetzt nicht die menschliche Beziehung – bei übermässiger Nutzung drohen Isolation und Abhängigkeit.

Aus diesen Befunden ergeben sich grundlegende ethische Fragen für die psychosoziale Beratung: Welche Vorteile ergeben sich für die Klient:innen durch die Nutzung von KI-Chatbots? Wie verändert die zunehmende Nutzung von KI-Chatbots die Beratungsarbeit? Kann eine supportive Synthese zwischen menschlicher und technologiebasierter Beratung in der Sozialen Arbeit gelingen? Wenn ja, wie? Der Beitrag geht diesen Fragen kritisch vor dem Hintergrund ethischer Prinzipien der Klinischen Sozialen Arbeit nach.

Im Sinne des Tagungsthemas «Begegnungen von analog bis digital» wird herausgearbeitet, welche Haltung Fachkräfte entwickeln können, um innovative Technologien in der Versorgung verantwortungsvoll zu nutzen, ohne die unverzichtbare menschliche Verbundenheit aus dem Blick zu verlieren.

Rita Hansjürgens

Die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung, im besten Fall in Richtung gegenseitigen Vertrauens und Soziale Diagnostik hängen eng zusammen. Das gelingende oder weniger gelingende Zusammenspiel dieser beiden Elemente hat Auswirkungen auf die Performanz sozialarbeiterischer Unterstützung. Der Beitrag beleuchtet die gegenseitige Wechselwirkung aus handlungstheoretischer Sicht und auf der Basis empirischer Forschung (überwiegend aus dem Feld der Suchthilfe in Deutschland). Auf der Basis dieses Vortrags können folgende Fragen diskutiert werden: Wie können diese Erkenntnisse in die Praxis eingebunden werden? Welche Rolle spielen dabei spezifische Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit? Wie können diese in Zukunft systematischer reflektiert werden? Welche Optionen und/ oder Begrenzungen für den Einsatz digitaler Tools können daraus abgeleitet werden?

Dieter Röh et al

Soziale Diagnostik in der medizinischen Rehabilitation hat eine besondere Bedeutung, bezüglich der Zugangsdiagnostik/Screening und der Gestaltungsdiagnostik gibt es aber Entwicklungspotential (Knoop et al., 2024; Buttner et al., 2018/2020). Hier setzt das Projekt «Soziale Diagnostik in der medizinischen Rehabilitation“ (Förderer: Deutsche Rentenversicherung Bund) an. Neben einer Interviewstudie und einem Scoping Review wurde in einer Online-Umfrage die Praxis der Sozialdienste hinsichtlich der Sozialen Diagnostik erhoben.
Die Befragung, deren Ergebnisse hier berichtet werden, basierte u.a. auf den Ergebnissen der SWIMMER-Studie (Knoop et al., 2024) und den Handbüchern Soziale Diagnostik (Buttner et al., 2018/2020). Sie thematisierte den Zugang zum Sozialdienst, die Nutzung und das Verständnis Sozialer Diagnostik(-instrumente) sowie Kontextfaktoren. Zudem wurde um die Zusendung eingesetzter Diagnostikinstrumente gebeten. Der Link zur Befragung erreichte bundesweit alle von der DRV federführend belegten Reha-Abteilungen mehrerer Indikationsbereiche (k=1.499).
Antworten kamen von n=332 Personen. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 %) gab an, über sechs Jahre Berufserfahrung zu haben. Der Anteil der Fachkräfte der Sozialen Arbeit lag bei rund 90% (Fachkräfte mit Abschluss Diplom, Bachelor) bzw. 73% (Master). Über die Hälfte hatte einen orthopädischen Indikationsschwerpunkt (51 %, Mehrfachnennungen möglich); gefolgt von Psychosomatik (30 %). Hauptzugangswege zum Sozialdienst war über die Medizin (mindestens häufig: 78 %) und Selbstzuweisungen (54 %). Etwa 70 % der Befragten gaben an Instrumente zu nutzen (Anzahl aller benannten Instrumente, l = 414). Zugesendet wurden 23 Instrumente. Form und Inhalt variierten stark.
Erste Ergebnisse zeigen eine weite Verbreitung sozialdiagnostischer Praxis in der medizinischen Reha, die aber qualitativ sehr unterschiedlich ausfällt, was eine Standardisierung des Vorgehens und eine Überprüfung der Qualität notwendig macht.

Andrea Zumbrunn, Maria Solèr

Die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit begleitet Menschen mit gesundheitlichen, sozialen und materiellen Problemlagen. Trotz ihrer langjährigen Praxis fehlt in der Schweiz wie auch international bislang belastbare wissenschaftliche Evidenz zu ihrer Wirkung. Vor diesem Hintergrund wird im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Wirkungs-Studie (aliment-studie.ch) ein Instrument entwickelt, das zentrale Mechanismen gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit wie Begleiten, worunter die Fallsteuerung und -Koordination verstanden wird, sowie die Erschliessung von Ressourcen systematisch erfasst.  Auch weitere elementare Funktionen sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen. So stellt eine tragfähige Hilfebeziehung zwischen Sozialarbeitenden und Klient:innen eine zentrale Grundlage der Fallbegleitung dar, da sie Vertrauen, Kooperation und Veränderungsbereitschaft fördert. Darauf bezieht sich der Tagungsbeitrag. Er zeigt auf, wie ausgehend von einem theoretischen Wirkmodell gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit unter Einbezug einer Fokusgruppe mit fallbegleitenden Sozialarbeitenden eine Kurzskala zur Erfassung der Funktionalität professioneller Hilfebeziehungen entwickelt wurde und wie diese in der anschliessenden Längsschnittstudie eingesetzt wird, um den Zusammenhang zwischen den erfolgten Interventionen der Sozialarbeitenden und den Outcomes bei den Klient:innen zu untersuchen.

Svenja Söhren , Dietrun Lübeck

Welche Erfahrungen machen Menschen mit Sucht- und psychischen Krisenerfahrungen im Begegnungsformat Selbsthilfegruppe und welche Rolle spielen hier professionelle Unterstützungssysteme? Zur Beantwortung dieser Fragestellung wurden 16 Interviews mit Nutzerinnen verschiedener Selbsthilfegruppen geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten auf, dass die Qualität und Resonanz der Begegnungen in Selbsthilfegruppen anders wahrgenommen werden als mit Sozialarbeiterinnen und weiteren Fachkräften. Die Ergebnisse bestätigen damit verschiedene Befunde bisheriger Studien, welche jedoch keinen Schwerpunkt auf die Begegnungsqualität in Selbsthilfegruppen aus Nutzerinnenperspektive bei psychische und suchtbezogenen Problemlagen legten. (vgl. Richter et. al. 2025; vgl. Stützel 2024; Dekkers 2020; vgl. Kofahl et al. 2019; vgl. Höflich et. al. 2007). In dem Beitrag werden die Begegnungserfahrungen der Teilnehmerinnen in ihren Selbsthilfegruppen und mit professionellen Fachkräften diskutiert, um daraus Implikationen für die Klinische Sozialarbeit abzuleiten.

Daniel Niebauer

Wohnungslose Menschen sind erheblich von seelischen Belastungen betroffen, haben jedoch häufig keinen Zugang zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Regelversorgung und befinden sich längerfristig in Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe. Vor diesem Hintergrund wurde das Gruppenprogramm gesund.sein zur Förderung der seelischen Gesundheit wohnungsloser Menschen entwickelt, das sich als methodischer Ansatz einer niedrigschwelligen, beziehungsorientierten Klinischen Sozialen Arbeit versteht. Eine formative Evaluationsstudie konnte bereits zeigen, dass das Programm eine hohe Inanspruchnahme durch die Adressat:innen erfährt und in seiner manualisierten Form in den realen Praxisbedingungen sehr gut umsetzbar ist.
In der NuGeWo-Studie wurden nun anhand eines Mixed-Methods-Ansatzes der Nutzen und die Nutzung der Teilnehmenden des Gruppenprogramms (n=14) untersucht. Die Studie fokussiert demnach eine aneignungsbezogene Nutzer:innenperspektive, die es ermöglicht, Nutzungsstrategien und den subjektiven «Gebrauchswert“ des Programms aus Sicht der Nutzer:innen als eigenständiges «Qualitätsurteil“ offenzulegen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich die Nutzer:innen das Gruppenprogramm aktiv aneignen, und vor allem ein geschützter Raum für die Thematisierung der eigenen psychischen Gesundheit entstehen kann. Hierfür scheint maßgeblich die professionelle Beziehungsgestaltung der Sozialarbeitenden verantwortlich, die im Gruppensetting mit spezifischen Anforderungen einhergeht. Darüber hinaus zeigen sich aber für die Nutzer:innen auch die Interaktionen und Begegnungen untereinander von wesentlicher Bedeutung, um einen persönlichen Nutzen aus dem Programm zu ziehen.
Auf Basis erster Impulse aus den Studienergebnissen soll gemeinsam diskutiert werden, inwieweit dieses bislang ausschließlich analoge Beziehungsgeschehen im Rahmen des Gruppenprogramms auch durch digitale Elemente angereichert werden könnte und welche professionstheoretischen Implikationen sich hieraus ergeben.

Pascal Lienert

Während zahlreiche nationale und internationale Studien die Bedeutung von Partizipation in der Suchthilfe betonen, fehlen in der Schweiz bislang empirische Daten zu den Erfahrungen, Bedarfen und Zugangsbarrieren aus Sicht der Betroffenen selbst. Um diese Wissenslücke zu schliessen, werden 2025–2026 in sechs Kantonen der Deutschschweiz und der Romandie insgesamt 60 leitfadengestützte Interviews mit suchtbetroffenen Personen geführt, die über mehrjährige Erfahrungen im Suchthilfesystem verfügen. Der Zugang zu den Teilnehmenden erfolgt partizipativ über Peer-Mitarbeitende und Fachpersonen aus den jeweiligen kantonalen Suchtnetzwerken. Der Beitrag präsentiert erste Ergebnisse der laufenden Auswertung. Besonderes Augenmerk liegt auf institutionenübergreifenden Behandlungsverläufen, Zugangsbarrieren zum Hilfesystem sowie Faktoren, welche die Lebensqualität und Suchtproblematik beeinflussen. Die Ergebnisse liefern wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung der Suchthilfeangebote. Im anschliessenden Diskussionsteil sollen gemeinsam mit dem Publikum Fragen der Umsetzung und Verstetigung partizipativer Ansätze in Forschung und Praxis reflektiert werden.

Keynote II 13.15 – 14.15

Dr. Rose Ehemann

Das Living Museum ist ein radikal analoger Ort, an dem Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen als Künstler:innen wirken – jenseits psychiatrischer Diagnosen. Hier entstehen Beziehungen nicht durch Intervention, sondern durch künstlerisch getragene Mitmenschlichkeit. Im Zentrum steht dabei die positive Identitätsveränderung und Selbsttransformation durch Kunst, um Selbst- und Fremdstigmata überwinden zu können. Für die klinische Sozialarbeit eröffnet dieser Raum neue Perspektiven auf Beziehungsgestaltung, Inklusion und Empowerment. Die Schnittstellen zur klinischen Sozialarbeit innerhalb der Psychiatrie St. Gallen werden aufgezeigt.
Der Beitrag zeigt, wie im Living Museum zentrale Prinzipien klinisch-sozialarbeiterischen Handelns – Partizipation, Hierarchiefreiheit, Caring Community – praktisch gelebt werden. Er diskutiert, wie analoge Formen von Begegnung im digitalen Wandel bestehen und welche Impulse daraus für hybride oder digitale Settings entstehen können.
Anhand konkreter Erfahrungen wird das Living Museum als Resonanzraum für eine neue, nicht-instrumentelle Beziehungskultur vorgestellt – und als Einladung verstanden, analoge Professionalität neu zu denken.
Das Living Museum ist gemacht für Menschen, die sich nach neuen, sinnstiftenden Räumen der Begegnung sehnen – jenseits von Bildschirm, Akte und App.

Parallele Angebote 14.25 – 15.55

Digital Competence Hub HSZ

KI-Systeme begegnen uns heute nicht nur als Tools, sondern zunehmend als Gesprächspartner:innen, als Berater:innen (Engelhardt & Kühne 2025) und Therapeut:innen (z.B. Bernhardt 2024), manchmal sogar als Freund:innen (Freitas et al. 2024). Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen echter Beziehung und programmierter Resonanz verschwinden zunehmend. Wie verändert das unser Verständnis von Beziehung, Beratung und Begleitung – und welche Fragen wirft das bereits heute für die Soziale Arbeit auf?

Der Workshop lädt dazu ein, die Beziehung zwischen Mensch und KI aus verschiedenen Blickwinkeln zu erkunden und zu diskutieren, insbesondere aus der Perspektive der Sozialen Arbeit mit ihrem Fokus auf Beziehungsgestaltung. In kurzen Inputs, anschaulichen Beispielen und gemeinsamen Denkübungen setzen wir uns kritisch und zugleich spielerisch mit der Frage auseinander, welche (quasi-)sozialen Funktionen KI bereits erfüllt, erfüllen könnte und wo ihre Grenzen liegen (vgl. Misselhorn 2024).

Unser Ziel ist es, sichtbar zu machen, welche Entwicklungen bereits heute in unserem Alltag angekommen sind – nicht als ferne Zukunftsvision, sondern als gegenwärtige Realität – und wie sich dies (vorläufig) einordnen lässt. Konkrete Beispiele sollen Irritationen auslösen, Orientierung bieten und einen Raum für gemeinsame Reflexion öffnen. So soll ein Dialog entstehen, der nicht fertige Antworten liefert, sondern Perspektiven erweitert und zum Weiterdenken anregt.

Yves Bachofner

Hintergrund: Digitale Technologien eröffnen neue digitale Möglichkeiten für Begegnungen im Gesundheitskontext – auch für ältere Menschen. Online-Plattformen ermöglichen den Austausch mit Personen, die ähnliche gesundheitliche Fragen haben. Für die klinische Soziale Arbeit stellt sich die Frage, wie solche digitalen Peer-Begegnungen gestaltet und unterstützt werden können, um soziale Teilhabe und Gesundheit zu fördern.

Methoden: Auf Basis einer repräsentativen Befragung von 1.261 internetnutzenden Personen ab 60 Jahren in der Schweiz untersuchen wir, welche Faktoren die Nutzung von Online-Austausch zu Gesundheitsinformationen (OAGI) mit Peers begünstigen oder behindern. Mittels logistischer Regression wurden soziodemografische, gesundheitsbezogene, verhaltensbezogene und kompetenzbasierte Prädiktoren analysiert; ergänzt durch Angaben zu Barrieren.

Ergebnisse: Rund 15 % der Befragten nutzen Online-Peer-Interaktionen zu Gesundheitsthemen. Eine höhere digitale Kompetenz erhöht die Wahrscheinlichkeit der Nutzung. Gleichzeitig zeigt sich eine stärkere Nutzung bei Personen mit niedrigerem Bildungsniveau sowie bei Personen mit hoher genereller Neigung, soziale Unterstützung zu suchen. Hinderungsgründe sind vor allem mangelnde digitale Erfahrung, Misstrauen sowie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Plattformen.

Schlussfolgerungen: Die Befunde verdeutlichen, dass digitale Begegnungen unter älteren Menschen bislang nur von einer Minderheit genutzt werden. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: zum einen den Aufbau von sicheren, vertrauenswürdigen Plattformen zu unterstützen und digitale wie gesundheitsbezogene Kompetenzen gezielt zu fördern; zum anderen analoge Begegnungsorte weiter zu stärken und die Bedeutung dieser sozialen Unterstützung für die Gesundheit sichtbar zu machen. So kann die Soziale Arbeit dazu beitragen, dass gesundheitsfördernde Begegnungen – ob analog, digital oder hybrid – auch im Alter gelingen und wirksam sind.

Wim Nieuwenboom

Nadine van der Meulen

Digitale Transformationsprozesse verändern die Soziale Arbeit tiefgreifend – nicht nur technisch, sondern auch psychosozial, organisational und professionell. Die Dissertation untersucht Belastungs- und Entlastungserfahrungen im Zuge dieser Veränderungen aus der subjektiven Perspektive von Fachkräften und Trägervertretungen. Ziel ist es, die Ambivalenzen digitaler Technologien sichtbar zu machen: Zwischen Effizienzversprechen und Erschöpfung, zwischen Empowerment und Kontrollverlust.
Die Studie folgt einem sequenziellen Mixed-Methods-Design: Zunächst wurden 44 ero-epische Interviews mit Fach- und Leitungskräften geführt und qualitativ ausgewertet (Reflexive Grounded Theory), anschließend folgt eine quantitative Online-Erhebung auf Basis eines erweiterten Erholungs- und Belastungsfragebogens. Analysiert werden u. a. Technostress, digitale Selbstwirksamkeit, hybride Arbeitsformen und organisationaler Support.
Der innovative Beitrag liegt in der Verbindung von subjektiver Erfahrungsforschung mit kritischen Theorien der Profession, Technik und Gerechtigkeit. Digitalisierung wird als soziotechnisches Dispositiv verstanden, das Professionalität neu rahmt und epistemische Gerechtigkeit herausfordert. Ziel ist es, praxisrelevante Gestaltungsempfehlungen für eine gesundheitsförderliche, gerechte und partizipative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit zu entwickeln.
Das Projekt wird durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert und ist in mehrere Konferenzen und Publikationsvorhaben eingebunden. Die Erkenntnisse fließen in Lehre, Weiterbildung, Fachdebatten und ein geplantes Wissensportal zur Technikreflexion in der Sozialen Arbeit ein.

Heike Gerdes, Anja Trittelvitz

Begegnungen – das Im-Gespräch und Miteinander-Sein – werden von soziotechnischen Tools mitgestaltet. Zunehmend wird in den Alltagswelten und Praktiken der Sozialen Arbeit und ihrer Klientinnen mit Erkenntnistechnologien (wie Symptom-Checker oder Tracking-Systemen) Wissen hergestellt, die das Selbst mitprägen. Sie sind mitwirkende „Agens“ (Barad 2017: 581), verflochten mit den Begegnungen und ordnen Handeln, Wissen und Deutungen. Diese soziotechnische Wissensproduktion (z.B. durch Klassifikationen) ist in ihren Arrangements und in ihrer Verwobenheit mit gesellschaftlichen Strukturen zu sehen. Für eine macht- und diversitätssensible Soziale Arbeit gilt es, diese inhärenten (z.B. ableistischen, neoliberalen) Logiken zu erkennen. Dieser Beitrag möchte durch eine praxeologische Datenauswertung unter einer theoretischen Reflexion aus der Perspektive der Feminist STS darlegen, wie Erkenntnistechnologien machtvolle Normen, Körper- und Fähigkeitsvorstellungen (re-)produzieren und (Selbst-)Bezüge in sozialpädagogischen Begegnungen hervorbringen können. Die Besonderheit der Datengrundlage ist, dass die Nutzungs- sowie die Entwicklungsseite berücksichtigt wird. Technologien können die Sicht ihrer Nutzerinnen prägen, wie und was diese durch sie (nicht) messen, sehen und wissen können. Ergebnisse dieser Erkenntnistechnologien sind Deutungsschablonen, strukturieren die Gesundheits- und Selbstbildung und gewähren einen spezifischen Blick auf den Körper und das (Krankheits-)Erleben. In Begegnungen stützen sich vielfach Klient:innen auf mit Soziotechnik hergestelltes Wissen, um über sich zu sprechen. Mit den quantifizierbaren Daten untermauern sie ihr Erleben.
Dieser Beitrag legt der klinischen Sozialen Arbeit eine weitere Dimension der Normativitätsproblematik durch Technologieeinsatz nahe, diskutiert den Umgang und ermutigt, die Bedeutung des gesprochenen Wortes und lebendigen Erzählens über komplexes Erleben im Vergleich zu quantifizierbaren Datensammlungen hochzuhalten.

Tobias Knoop, Simon Süsstrunk et al

Die Session vereint drei Beiträge, die aus einer deutsch-schweizerischen Forschungskooperation und der Diskussion der Projekte ALIMEnt-I, SWIMMER, BORA-TB, SABER und REAS hervorgegangen sind.
Im Zentrum steht die Frage, wie Wirkmechanismen in der klinischen Sozialen Arbeit theoretisch gefasst werden können. Die einzelnen Beiträge beleuchten dabei unterschiedliche Aspekte von Begegnung: die Zusammenarbeit von Forschungsteams, die theoretische Integration von Wirkmodellen sowie die Bedeutung von Begegnung als Element professioneller Hilfebeziehungen.
Neben der wissenschaftstheoretischen Reflexion werden auch praxisrelevante Implikationen diskutiert.
Ziel der Session ist es, Impulse für den internationalen Austausch und den Transfer zwischen Forschung und Praxis zu geben und neue Ansätze zur Weiterentwicklung der klinischen Sozialen Arbeit zu fördern.

Der erste Beitrag thematisiert Begegnung als Austausch zwischen Wissenschaftler:innen aus Deutschland und der Schweiz über ihre Forschungsprojekte zur Wirkungsweise der klinischen Sozialen Arbeit.
Im Fokus stehen dabei die Herausforderungen und Gelingensbedingungen dieser binationalen, interprofessionellen und interdisziplinären Zusammenarbeit. Es wird der Frage nachgegangen, welche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Austausch zwischen Forscher:innen gegeben sein müssen.

Zunächst werden die beiden Forschungsprojekte und ihre Kontexte vorgestellt (Forschungsfragen, theoretische Grundlagen, methodisches Vorgehen). Anschliessend wird die besondere Form dieser Begegnung reflektiert – inklusive der damit verbundenen Chancen und Herausforderungen.

Der zweite Beitrag befasst sich mit der Integration zweier Wirkmodelle klinischer Sozialer Arbeit, die in voneinander unabhängigen Forschungsprojekten in Deutschland und der Schweiz entwickelt wurden.
Die Modelle entstammen unterschiedlichen theoretischen Traditionen und methodischen Herangehensweisen und postulieren daher unterschiedliche Vorstellungen von Wirkmechanismen. Im Blickpunkt steht ein gemeinsames, vorläufiges Verständnis zentraler Wirkmechanismen, das aus der Begegnung und Integration der Perspektiven beider Forschungsteams entstanden ist.
Der Beitrag betont die Bedeutung theoretischer Modellbildung und transdisziplinärer Wissensintegration für die klinische Soziale Arbeit. Damit soll ein Anstoss zur empirischen Erforschung von Wirkungen und zur theoretischen Fundierung der Praxis gegeben werden.

Der dritte Beitrag gibt Einblick in die Diskussion der Forschungsgruppe zum Begriffsverständnis von «Begegnung“, insbesondere im Kontext professioneller Hilfebeziehungen zwischen Sozialarbeitenden und Klient:innen.
Ausgangspunkt war der Handlungsmodus des «hilfebezogenen Kooperierens» – ein im ALIMEnt-I-Projekt rekonstruierter Wirkmechanismus. Dieses Konzept wurde mit weiteren forschungsbasierten Perspektiven verknüpft und durch den Vergleich mit Begegnungskonzepten aus den Projekten SWIMMER, BORA-TB, SABER und REAS ergänzt. Im Fokus standen ko-produktive Arbeitsformen und deren zeitliche Dimension – von kurzen Interaktionen bis zu mehrmonatigen Hilfeprozessen. Der Beitrag verweist auf die Wirkung der Begegnung als konstitutives Element professioneller Hilfebeziehungen. In der Session werden davon ausgehend Folgerungen für die Gestaltung analoger und digitaler Arbeitsbeziehungen in der klinisch-sozialarbeiterischer Praxis diskutiert.

Therese Straubhaar

Viele Krebsbetroffene erleben eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse aufgrund von krankheitsbedingten Kosten und Einkommensausfällen. Damit verbundene Ängste und Sorgen können die Gesundheit weiter belasten und das Mortalitätsrisiko erhöhen. Daher ist eine Früherkennung der finanziellen Auswirkungen von Krebs von hoher Relevanz. Doch wie gelingt es, Pflege und Medizin darin zu unterstützen, finanzielle Notlagen einfach zu erkennen – selbst im hektischen Klinik-Alltag? – Im Beitrag wird von «hybriden Prozessen“ berichtet, bei denen Pflegefachpersonen und Sozialarbeitende proaktiv mit Patient:innen zusammenarbeiten, um krebsbedingte Armut zu bekämpfen. Diese Früherkennung erfordert interprofessionelle und sektorenübergreifende Abläufe – und sie wiederum beinhalten spezifische Chancen und Herausforderungen.

Ein systematisch durchgeführtes Screening zu sozioökonomischen Risiken bei Krebs soll sicherstellen, dass Betroffene frühzeitig Zugang zu individueller Sozialberatung erhalten. Das proaktive Ansprechen von sozialen und finanziellen Themen erfolgt idealerweise im persönlichen Gespräch zwischen Fachperson und Patient:in. Die Datenerhebung kann anschliessend digital asynchron erfolgen. Die Auswertung des Screenings und der Entscheid zum weiteren Vorgehen sollten wiederum in einem persönlichen Orientierungsgespräch stattfinden. Die Überweisung zur Sozialberatung – bei entsprechender Indikationsstellung – erfolgt v.a. in der primären onkologischen Versorgung idealerweise proaktiv durch eine Fachperson, um Betroffene effektiv mit einer sozialarbeiterischen Unterstützung zu vernetzen.

Wesentliche Erfolgsfaktoren für die Früherkennung von sozioökonomischen Risiken bei Krebs sind einerseits die Integration des Screenings in bestehende Abläufe und die Standardisierung von Prozessen. Andererseits ist das optimale Zusammenspiel von analogen und digitalen Interaktionen zentral. Pilotierungen sind unverzichtbar, um skalierbare Lösungen für die Früherkennung von krebsbedingten Armutsrisiken zu entwickeln.

Literatur: Scheidegger et al. 2023 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37804425/ ;
Carrera et al. 2024 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38626634/

Die Diagnose Krebs verändert das Leben grundlegend. Betroffene und ihre Angehörigen erleben intensive emotionale und soziale Belastungen in allen Phasen der Erkrankung. Die Krebsliga beider Basel (KLBB) begleitet Menschen in dieser Ausnahmesituation mit einem breiten Beratungsangebot. Dieses reicht von der persönlichen Begegnung bis zur digitalen Unterstützung.

Das Referat zeigt auf, wie die KLBB ganzheitlich, ressourcenorientiert und klient:innenzentriert arbeitet und wie sich die Beratungsformate seit der Covid-19-Pandemie verändert haben. Persönliche Gespräche ermöglichen Beziehung und emotionale Tiefe, gerade in Krisensituationen. Telefonische und schriftliche Kontakte sowie Online-Beratungen bieten dagegen Flexibilität, niedrigschwelligen Zugang und zeitliche Unabhängigkeit, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder hoher Alltagsbelastung.
Anhand eines Fallbeispiels wird verdeutlicht, wie analoge und digitale Kanäle sinnvoll kombiniert werden können. Die Wahl des Formats orientiert sich dabei stets an den Bedürfnissen der Klientel.
Das Referat beleuchtet aber auch die Herausforderungen: technische Hürden, Datenschutz, emotionale Tiefe im digitalen Raum und Fragen zur zukünftigen Rolle künstlicher Intelligenz. Deutlich wird: Digitale Formate erweitern die Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit, ersetzen aber nicht den Wert der persönlichen Arbeitsbeziehung.

KrebsInfo, der Beratungsdienst der Krebsliga Schweiz, bietet ein niederschwelliges, kostenloses Informations- und Unterstützungsangebot für Betroffene, Angehörige, Interessierte und Fachpersonen. Im Referat werden das Beratungsangebot, die Themenschwerpunkte, die Rolle der Fachberatenden sowie die Rahmenbedingungen (Zielgruppen, Kanäle, Erreichbarkeit, Sprache) vorgestellt. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Wandel von analoger zu digitaler Beratung: Die Entwicklung der letzten 30 Jahre, aktuelle Beratungskanäle (Telefon, E-Mail, Chat, WhatsApp) sowie deren jeweilige Chancen und Herausforderungen werden anhand von Praxiserfahrungen aufgezeigt. Zudem wird thematisiert, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) in der psychosozialen Beratung im Bereich der Onkologie nutzbar gemacht werden können – ohne dabei den menschlichen, empathischen Kontakt aus den Augen zu verlieren. Carla Stäubli, Pflegefachfrau HF und Sozialarbeiterin BSc, berichtet aus ihrem Beratungsalltag und erläutert, wann eine Triage an kantonale und regionale Krebsligen sowie andere Fachstellen sinnvoll ist. Abschliessend werden Überlegungen dazu präsentiert, wie sich der Beratungsdienst künftig im Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt und menschlicher Zuwendung positionieren möchte.

S. Ehrhardt, M. Zeller, M. Bösel

Im Lehrkonzept CORE (Competence Oriented Research and Education) der SRH University entwickelten Masterstudierende im Studiengang «Psychosoziale Arbeit und Gesundheitsförderung“ einen digitalen Methodenkoffer. Dieser bietet eine Sammlung an Beratungsmethoden, die eigenständig digital aufbereitet, von den Studierenden angewandt und jahrgangsübergreifend weiterentwickelt werden. Der Beitrag zeigt, wie Digitalisierung nicht nur Lernprozesse unterstützt, sondern auch Beratungskompetenzen praxisnah fördert.

Synchrone virtuelle Beratung eröffnet vielfältige Einsatzmöglichkeiten, stößt aber auch an Grenzen. Diese betreffen vor allem die Gestaltung des Settings, das Mobilitätsverhalten der Ratsuchenden sowie die Komplexität der Problemlagen. Anhand einzelner Problemaspekte ist zu prüfen, ob ein virtuelles Setting geeignet ist. Gerade in der Fachberatung bei sexualisierter Gewalt und in der psychosozialen Prozessbegleitung treten regelmäßig komplexe Problemlagen auf. Der Vortrag gibt Einblicke in den bisherigen Einsatz synchroner virtueller Settings im Handlungsfeld der Frauen- und Mädchenberatung.

Der Vortrag stellt eine Studie vor, in der der Einfluss technischer Merkmale von Social-Media-Plattformen auf das Nutzungsverhalten Erwachsener untersucht wurde. 36 Nutzungssituationen und Design-Features von zwölf Plattformen wurden dazu analysiert. Das Ergebnis verdeutlicht, dass es unterschiedliche Nutzungstypen gibt und beschreibt den Übergang von funktionalem zu dysfunktionalem Gebrauch. Auf Basis der Erkenntnisse der Studie wurden ein Selbsteinschätzungsbogen sowie ein «Social Media Atlas“ für Fachkräfte der Schulsozialarbeit entwickelt.

Parallele Angebote 16.20 – 17.50

Julia Rehn, Silke Ababneh

Das «VR-Beratungstraining für die Soziale Arbeit“ nutzt digital simulierte Beratungsszenarien, die auf dem klassischen Rollenspiel im Studium der Sozialen Arbeit basieren. Mit KI-basierten, generativen Klient:innen-Avataren wird eine authentische und herausfordernde Beratungssituation erzeugt. Die Studierenden erleben die virtuellen Klientinnen und Klienten mit individuellen Biografien, Charakteren und authentischen Reaktionen. Diese immersive Methode zielt darauf ab, typische Hemmnisse in der Beratungspraxis zu senken und durch wiederholbare Simulationen Beratungskompetenzen zu fördern. Der Beitrag diskutiert die methodische Umsetzung, die Vorteile gegenüber herkömmlichen analogen Rollenspielen und die Herausforderungen in Bezug auf Bias und VR-Sickness.
(aus: Rehn, J., & Ababneh, S. (2025). VR-Beratungstraining in der Sozialen Arbeit. e-beratungsjournal.net – Zeitschrift für Online-Beratung und computervermittelte Kommunikation, 21(1), 28–36. https://doi.org/10.48341/7CYY-K583)

Die VR-Brillen wurden drei Semester (SoSe 2024-SoSe 2025) in der Hochschullehre an der ASH Berlin in verschiedenen Seminaren eingesetzt: sozialmedizinische und sozialpsychiatrischen Grundlagen (2. Semester), Handlungsmethoden mit Schwerpunkt Beratung (4. Semester) und Vertiefung Gesundheit und Soziale Arbeit (6. Semester). Die daraus resultierenden Erkenntnisse fließen als Input in den Workshop ein. Gleichzeitig soll den Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben werden, das Tool vor Ort auszuprobieren und eigene Erfahrungen damit zu sammeln. Es stehen drei VR-Brillen mit den dazugehörigen Klient:innenavataren zur Verfügung.

Nadia Bisang, Sarah Dähler

Die Fachstelle für Gewaltprävention der Stadt Zürich hat 2025 ein innovatives Pilotprojekt namens REACT gestartet. Dieses Pilotprojekt richtet sich an alle stadtzürcher Jugendlichen und Fachpersonen, die Konflikte besser verstehen und souveräner damit umgehen wollen. Mit Virtual-Reality-Brillen können sie gefahrlos ausprobieren, wie man in eskalierenden Situationen reagiert. In der virtuellen Welt lassen sich verschiedene Perspektiven einnehmen, Konfliktdynamiken besser begreifen und unterschiedliche Reaktionen testen. So wird Gewaltprävention interaktiv, realitätsnah – und definitiv spannender als trockene Theorie!

In einem Dialog mit AvenirSocial, dem Berufsverband der Sozialen Arbeit in der Schweiz, werden die Teilnehmenden des Workshops zu einem Austausch über zwei zentrale Prinzipien des neuen Berufskodex der Sozialen Arbeit in der Schweiz eingeladen. Diese Prinzipien stehen auch im Zentrum des Projekts. Prävention und Digitalität. Gemeinsam werden wir über die Entwicklung von Kompetenzen in der Sozialen Arbeit im digitalen Zeitalter, die Veränderungen der beruflichen Beziehung in virtuellen Umgebungen sowie die ethischen Voraussetzungen für den Einsatz immersiver Werkzeuge in der Prävention nachdenken.

Der Workshop beginnt mit einer Einführung zu Ziel, Bezug zu AvenirSocial und dem neuen Berufskodex, insbesondere den Prinzipien Prävention und Digitalität. Anschliessend wird das Projekt REACT in Form eines Interviews vorgestellt. Danach erproben die Teilnehmenden das VR-Tool. In der gemeinsamen Diskussion werden Kompetenzen, Effekte und ethische Fragen reflektiert. Zum Abschluss folgt eine Zusammenfassung sowie die Einladung, den Erfahrungsaustausch weiterzuführen.

Karin Goger et al

Theoretische Grundlagen und Funktionsweise des Inklusionscharts

Egozentrierte Netzwerkdiagnostik mittels easyNWK – Grundlagen und Analysekriterien
Biografische Interviews und Biografischer Zeitbalken – Prämissen und Analysemöglichkeiten autobiografischer Erzählungen und Lebensverläufe

Zur kooperativen Entwicklung kooperativer Diagnostik in der Sozialen Arbeit. Einblicke in ein transnationales Entwicklungsprojekt zur Weiterentwicklung von Netzwerkdiagnostik und Biografischer Diagnostik.

Dario Deloie, Christine Kröger

Die postgraduale Weiterbildung kommt! Die Sektion Klinische Sozialarbeit der DGSA hat das von der «Arbeitsgruppe Sozialtherapie“ erarbeitete Weiterbildungscurriculum zur Sozialtherapie verabschiedet. Die erste Weiterbildungsgruppe wird voraussichtlich im Herbst 2026 starten. Im Rahmen dieses Beitrags werden die Motive für diesen Schritt vor dem Hintergrund der Versorgungslandschaft erörtert. Im Kern werden dann die Weiterbildungsinhalte, die Zulassungsvoraussetzungen für die Weiterbildungskandidat:innen, die Weiterbildungsziele und die Organisation dezidiert vorgestellt.

Ausgehend von Anregungen und Erwartungen potentieller Weiterbildungskandidat:innen steht im Mittelpunkt dieses Beitrags, welche professionsbezogenen sowie berufspolitischen Herausforderungen und Möglichkeiten sich mit einer Etablierung von Sozialtherapie im Gesundheits- und Sozialwesen verbinden. Immerhin gibt es auch in der Sozialen Arbeit grundsätzlich kritische Stimmen gegenüber einem therapeutischen Zugang. Mit besonderer Schärfe stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, dass Sozialtherapie in Zukunft einen gleichberechtigten Platz neben einer medizinischen und einer psychotherapeutischen Perspektive einnimmt.

Die Sozialtherapie oder auch Soziale Therapie ist ungefähr 100 Jahre alt, was erste Begriffsverwendungen und konzeptionell-theoretische Entwürfe betrifft. Trotz des frühen Nachdenkens erfolgte im deutschsprachigen Raum, vor allem den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen (NS-Diktatur, Gesellschafts- und Professionskritik der 1960er und folgender Jahrzehnte) geschuldet, eine vergleichsweise späte Professionalisierung und Akademisierung. In den letzten 15-20 Jahren hat das Nachdenken und die Konzipierung dann wieder an Fahrt aufgenommen. Im Beitrag wird diese historische Entwicklung unter der These skizziert, dass Sozialtherapie ein weiteres Element der Professionalisierung der Sozialen Arbeit darstellt.

Larissa Steimle

Hintergrund: Eine Krise kann definiert werden als der Verlust des seelischen Gleichgewichts, den Menschen verspüren, wenn sie mit Ereignissen konfrontiert werden, die sie im Augenblick nicht bewältigen können. In diesen Krisensituationen suchen manche Menschen die Unterstützung durch Fachkräfte, wobei die Beziehung zwischen Fachkräften und Personen in Krisen eine entscheidende Rolle bei der erfolgreichen Bewältigung einer Krise spielt. Gleichwohl gibt es bisher kaum Studien, die diese Perspektive auf Beziehung betrachten. Daher stellt sich die Frage, wie eine solche Beziehung ausgestaltet sein muss, damit sie von Nutzer:innen als besonders unterstützend erlebt wird.

Methode: Um diese Forschungsfrage zu beantworten, wurden 29 teil-narrative Interviews mit Personen geführt, die sich in einer Krise an Fachkräfte gewandt haben. Die Interviews wurden mit der Grounded Theory ausgewertet.

Ergebnisse: Personen in Krisen wünschen sich Fachkräfte, die für sie da ist, die Krise als Notfall und als lösbare Situation anerkennt, sie mit Respekt behandelt und individuelle Unterstützung anbietet. Zudem ist eine Übereinstimmung zwischen Fachkräften, Einrichtungen und Personen in Krisen nötig, um unterstützende Beziehungen zu ermöglichen. Dabei zeigen sich je nach in der Krise verfügbaren Ressourcen zwei Beziehungstypen: Während Menschen mit Zugang zu vielen Ressourcen eher eine distanzierte und begleitende Beziehung suchen, bevorzugen diejenigen mit Zugriff auf weniger Ressourcen eine engere und eher anleitende Beziehung.

Diskussion: Aus den Ergebnisse sollen im Rahmen eines Einzelbeitrages Implikationen für eine evidenzbasierte Beziehungsgestaltung abgeleitet werden. Darauf aufbauend steht folgende Frage im Zentrum der Diskussion: Welchen Nutzen können KI-Modelle im Kontext Krisenintervention für die Begleitung der in den Interviews herausgearbeiteten Beziehungstypen haben und inwieweit kann KI zur Ausbildung zukünftiger Sozialarbeiter:innen beitragen.

Ines Dieckmännken

Hintergrund: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation lebt jeder achte Mensch auf der Welt mit einer Mental Health Condition. Viele Betroffene suchen jedoch aufgrund von Stigmatisierung und Diskriminierung, die als Verletzung grundlegender Menschenrechte gelten, keine professionelle Hilfe auf. Soziale Arbeit spielt eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung von Menschen mit Mental Health Conditions; Studien zeigen jedoch, dass Sozialarbeitende und Studierende der Sozialen Arbeit selbst stigmatisierende Einstellungen aufweisen. Ziel dieser Studie war es, die Wirksamkeit einer Intervention zur Verringerung negativer menschenrechtsbezogener Einstellungen bei Bachelorstudierenden der Sozialen Arbeit zu ermitteln.

Methode: Die Intervention basierte auf dem QualityRights-Training der Weltgesundheitsorganisation, das 2019 veröffentlicht und evaluiert wurde. Von Oktober 2023 bis August 2024 wurde eine quasi-experimentelle zweiarmige Prä-Post-Studie mit Bachelorstudierenden der Sozialen Arbeit an der Universität Kassel durchgeführt.

Ergebnisse: Die Interventionsgruppe zeigte zwischen T0 und T1 einen signifikanten Rückgang von negativen Einstellungen im Hinblick auf die Menschenrechte (p < 0,001; d=1,003) und einen signifikanten Anstieg des Wissens über die Rechte von Menschen mit Mental Health Conditions (p < 0,001; d=0,836). Bei T1 wies die Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant geringere negative menschenrechtsbezogene Einstellungen (p < 0,001; d=1,293) und ein höheres Wissen über die Menschenrechte auf (p < 0,001; d=1,076).

Diskussion: Die Ergebnisse der Studie belegen die Wirksamkeit des Trainings. Sie deuten darauf hin, dass das Training erfolgreich dazu beigetragen hat, negative menschenrechtsbezogene Einstellungen von Studierenden der Sozialen Arbeit gegenüber Menschen mit Mental Health Conditions zu verringern. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von menschenrechtsbasierten Interventionen im Studium der Sozialen Arbeit.

S. B. Gahleitner et al

Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt in Institutionen erlebt haben, leiden häufig an unterschiedlichen psychischen, körperlichen und sozialen Folgen, die sich über das ganze Leben erstrecken können (Hoffmann et al. 2023, Gahleitner et al. 2023, Caspari et al. 2021). Für diese Betroffenen ist die Vorstellung im Alter erneut in Kontakt mit institutioneller Unterstützung kommen zu müssen häufig beängstigend.

Eine qualitative Untersuchung an der Alice Salomon Hochschule Berlin (durchgeführt unter der Leitung von Prof.in Dr.in Silke Birgitta Gahleitner, gefördert durch die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs) setzt sich mit der Frage auseinander, welche Bedarfe und Wünsche ehemalige Heimkinder im Alter haben, die in ihrer Kindheit (sexualisierte) Gewalt in Institutionen erlebt haben. Hierfür wurden problemzentrierte Interviews (Witzel und Reiter 2022) mit Betroffenen und Gruppendiskussionen mit relevanten Stakeholdern durchgeführt und entlang der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2022) ausgewertet. Schwerpunkt des Projektes ist zudem die Dissemination der Ergebnisse in die Versorgungslandschaft, unter anderem über digitale Medien.

Der Beitrag präsentiert die subjektive Sicht der Betroffenen auf gelungene und weniger gelungene Begegnungen im analogen Raum, die für sie eine große Relevanz haben. Ausgehend von den Erfahrungen und Sorgen, wie auch Wünschen der Betroffenen werden Implikationen für traumasensible, bedarfsorientierte Begegnungen in der pflegerischen, medizinischen und psychosozialen Arbeit mit älteren Menschen mit (sexualisierten) Gewalterfahrungen in Institutionen vorgestellt. Darüber hinaus werden Schlussfolgerungen gezogen, wie diese Begegnungen zukünftig – analog wie digital – gestaltet werden können.

Literatur:
Caspari, P., Dill, Helga; Hackenschmied, G.; Straus. F. (2021): Ausgeliefert und verdrängt – Heimkindheiten zwischen 1949 und 1975 und die Auswirkungen auf die Lebensführung Betroffener. Eine begleitende Studie zur Bayerischen Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder. Springer VS.
Gahleitner, S. B.; Gabriel, M.; de Andrade, M.; Martensen, M.; Pammer, B. (2023): Sexualisierte Gewalt in der Heimerziehung der DDR. Bewältigungs- und Aufarbeitungswege anerkennen und unterstützen. Springer VS.
Hoffmann, D.; Böhm, M.; Glaesmer, H. (2023): Biografische Sequenzen von Menschen mit DDR-Heimerfahrungen. In: Glaesmer et al (Hrsg.): Ehemalige Heimkinder der DDR. Traumatische Erfahrungen und deren Bewältigung über die Lebensspanne. Klett-Cotta, S. 19-43.
Mayring, P. (2022): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 13. überarbeitete Auflage. Beltz.
Witzel, A.; Reiter, H. (2022): Das problemzentrierte Interview – eine praxisorientierte Einführung. Beltz.

Anna Hofer et al

Durch die hohe Prävalenz von Essstörungen bei jungen Menschen, für die das Internet eine wesentliche Lebenswelt darstellt, scheinen Online-Beratungsangebote für diese Zielgruppe besonders geeignet. Beratende stehen dabei vor zentralen Fragen: Wie kann Online-Beratung gut gelingen? Wie kann ich Beziehung im virtuellen Raum gestalten? Welche Ressourcen und Rahmenbedingungen sind notwendig?

Orientierung geben praxisnahe Qualitätsleitlinien für Online-Beratung, die in dem vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Projekt «DigiBEssst“ an der Hochschule Landshut mit dem Bundesfachverband Essstörungen e. V. (BFE) entwickelt wurden. Sie sind in weiten Teilen auch über den Essstörungsbereich hinaus anwendbar. Mit einem Mixed-Methods-Design bestehend aus einer Online-Befragung und leitfadengestützten Interviews wurden deutschlandweit Fachkräfte, Betroffene und Angehörige befragt. Die Leitlinien gliedern sich in fünf zentrale Themenfelder: «Zugang und Setting“, «Haltung und Selbstfürsorge“, «Beratungskompetenzen und schwierige Situationen“, «Zusammenarbeit und Vernetzung“ sowie «Rahmenbedingungen und Ressourcen“. Gerade für die (Klinische) Sozialarbeit sind die Ergebnisse von zentraler Bedeutung: Über 80% der in Beratungsstellen bei Essstörungen online tätigen Fachkräfte sind Sozialarbeiter*innen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Zielgruppe frühzeitig, niedrigschwellig und fachlich fundiert Unterstützung erhält.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen förderte das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) (ehemals BZgA) das Projekt «DigiEss“, in dem ein idealtypisches Konzept für ein bundesweites digitales Erstberatungsangebot bei Essstörungen entstand. Wesentlicher Bestandteil des Forschungsprozesses war ein Beratungsboard mit Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis sowie betroffenen und angehörigen Menschen. Ergänzend wurden Audioaufnahmen zur Information und Motivation entwickelt, um den Zugang zur Online-Beratung zu erleichtern.

Raphael Tremeaud

Die Erfahrung einer Stiftung im Bereich sozialer Innovation zeigt, wie digitale Interventionen die Prävention und soziale Unterstützung nachhaltig verändern. Die Stiftung engagiert sich für die Entwicklung und Umsetzung von Projekten, welche soziale Teilhabe, psychische Gesundheit und Chancengerechtigkeit fördern.

Digitale Technologien bieten heute neue Möglichkeiten, um Menschen gezielt zu informieren, zu begleiten und zu empowern. Mit Funktionen wie personalisiertem Monitoring, interaktiver Aufklärung und Echtzeitzugriff auf Informationen tragen sie wesentlich zur Effektivität sozialpräventiver Massnahmen bei. Sie beeinflussen nicht nur die Beziehung zwischen Fachpersonen und Zielgruppen, sondern sind zunehmend selbst tragende Elemente neuer Programme und Dienstleistungen.

Die Stiftung legt grossen Wert darauf, aus den durchgeführten Projekten zu lernen. Die dokumentierten Erfahrungen zeigen konkrete Resultate, Herausforderungen und Gelingensbedingungen – mit Fokus auf Nachhaltigkeit, Partizipation und Wirkung.

Fachpersonen, die in diesen Projekten tätig sind, bringen umfassende Kompetenzen in den Bereichen Empowerment, Inklusion und interprofessioneller Zusammenarbeit mit. Digitale Angebote wie virtuelle Beratung, KI-gestützte Begleitung, mobile Applikationen und soziale Plattformen sind heute zentrale Bausteine sozialer Innovation – und aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Marisa Geiser Krummenacher

Digitale Beratungsformate, einst als Notfalllösung zum Erhalt des Beratungsangebotes während der Covid-19 Pandemie eingeführt, haben sich längst im Alltag unserer betrieblichen Sozialberatung und Casemanagement etabliert. Aufgrund der notfallgedrungenen Lösung fehlte es jedoch bei deren Einführung an entsprechenden Reflexionsgefässen und Konzeptualisierungen. Dies hat uns dazu veranlasst, nochmals einen Schritt zurückzugehen und in einem internen Projekt ein systematisches, konzeptionell fundiertes und passgenaues Blended Counseling (Hörmann et al. 2023) zu konzipieren und mit einer Wirkanalyse durch das Institut für Praxisforschung und Evaluation der EH Nürnberg evaluieren zu lassen.
Für die wissenschaftliche Begleitung wurde partizipativ mit den Beratenden aus einer Interventionsgruppe ein Wirkmodell für den Blended Counseling Ansatz sowie die dazugehörigen Erhebungsinstrumente entwickelt. Mittels Vergleichsgruppendesign werden Beratende und Klientel mit einem Online-Fragebogen befragt, um die Wirksamkeit der betrieblichen Sozialberatung im Allgemeinen und die Anwendung eines Blended Counseling Ansatzes im Konkreten nachzuweisen. Da-bei wurde vorerst nur die Interventionsgruppe in den entsprechenden Medienkompetenzen für den Einsatz von Blended Counseling geschult (Camenzind et al. 2023).
Der Einzelbeitrag soll den Tagungsteilnehmenden einen ersten Einblick in unsere Erkenntnisse aus dem laufenden Projekt und der begleiteten Wirkanalyse geben. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Beratung im hybriden Setting von analog und digital wirkungsvoll gestaltet werden kann und welche Auswirkungen dies auf die Beziehungsgestaltung zwischen Beratenden und Klientel hat. Zudem gehen wir der Frage nach, welche Spielräume sich für professionelles Handeln durch die Kombination verschiedener Kommunikationssettings eröffnen und welche Chancen, aber auch Herausforderungen damit verbunden sind. Abschliessend werden die strukturellen Voraussetzungen diskutiert, die für eine nachhaltige Etablierung hybrider Beratungsansätze notwendig sind.

Literaturverzeichnis
Camenzind, G., Hörmann, M. und Silfverberg, M. 2023. Medienkompetenz Blended Counseling. Tübingen: DGVT-Verlag.

Hörmann, M., Tschopp, D. und Wenzel, J. 2023. Digitale Beratung in der Sozialen Arbeit. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Katharina Vorberg

Die Lebensrealitäten von Personen, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind – etwa Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, Zwangsprostitution, weibliche Genitalverstümmelung/ -beschneidung oder Zwangsverheiratung – sind vielfach geprägt von Isolation, Kontrolle, Tabuisierung sowie (mehrfacher) Stigmatisierung und Marginalisierung. Der Zugang zum Hilfssystem wird dadurch erheblich erschwert, weshalb Betroffene zu den sog. „hard-to-reach-Klient:innen“ der Sozialen Arbeit zählen.

Viele Handlungsfelder der Sozialen Arbeit stehen vor der Herausforderung, schwer erreichbare und vulnerable Zielgruppen angemessen zu unterstützen. Klassische Komm-Strukturen genügen häufig nicht, da sie erfordern, dass Betroffene von sich aus das Hilfesystem aufsuchen – eine Hürde, die bei tabuisierten oder schambesetzten Themen oft kaum überwindbar ist. Zudem haben sich digitale Räume zu relevanten Elementen der Lebensrealitäten von Menschen entwickelt: Digitale Räume konstituieren sich als Orte, an denen Informationen eingeholt, Identitäten gebildet und Sozialisationsprozesse durchlaufen werden können. Darüber hinaus schaffen sie die Möglichkeit zur Begegnung mit anderen.

Diese Entwicklungen führen dazu, dass die Soziale Arbeit ihre Versorgungsstrukturen kritisch reflektieren und durch alternative Angebote ergänzen muss. Niedrigschwellige, aufsuchende und freiwillige digitale Settings stellen eine professionelle Antwort auf die beschriebenen Lebenswirklichkeiten dar. Am Beispiel von ira e.V., einer Beratungsstelle für Betroffene von geschlechtsspezifischer Gewalt, werden zwei Ansätze mit ihren Chancen und Herausforderungen vorgestellt und diskutiert: Digital Streetwork als Ergänzung klassischer Streetwork sowie Onlineberatung in unterschiedlichen Formaten (Mail, Chat, Video). Diese Angebote eröffnen anonyme Schutzräume, stärken Autonomie und vermeiden Stigmatisierung, indem sie Begegnung dort ermöglichen, wo physische Präsenz nicht möglich, riskant oder schambehaftet wäre.

Dietrun Lübeck

Die psychosoziale Versorgung von Menschen mit Sucht- und/oder psychischen Problemen ist in Großstädten sehr vielfältig und greift mitunter sogar intersektionale Problemlagen auf, um Menschen bedürfnisangepasst zu unterstützen. Doch wie sieht es in ländlichen Räumen aus und welche Rolle spielen hier Klinische Sozialarbeiter:innen für Unterstützungsbedürftige? Auf der Grundlage eines zweiphasigen Forschungsprojekts wurden zunächst sechs verschiedene Landkreise dünn besiedelter Regionen Nord- und Ostdeutschlands dahingehend untersucht, wie dort Menschen mit verschiedenen psychischen Problemen professionelle Unterstützung bekommen. Verglichen wurden die ländlichen Versorgungsstrukturen mit der Versorgungslandschaft in Berlin als Großstadt. Anschließend wurden 14 Interviews mit Menschen mit Sucht- und/oder psychischen Problemen, die in eher ländlichen Regionen Brandenburgs leben, dazu geführt, welche Begegnungserfahrungen sie in Zeiten des Hilfebedarfs mit Versorgungsstrukturen und Sozialarbeiterinnen gemacht haben. Die Auswertung der Interviews mit Nutzer:innenperspektive offenbarte einen überraschend geringen Bekanntheitsgrad Sozialer Arbeit in der gemeinde- und sozial-/psychiatrischen Versorgung. Die Ergebnisse werfen die Frage auf, was zum Bekanntheitsgrad Klinischer Sozialarbeit und höherer Erreichbarkeit im ländlichen Raum beitragen kann. Hierzu werden Netzwerkansätze sowie analoge, digitale und hybride Konzepte professioneller Begegnungen zur Diskussion gestellt.

Katharina Boehnki, Barbara Weber-Fiori

Der Beitrag eröffnet neue Perspektiven, wie (klinisch tätige) Sozialarbeitende die digitale Transformation im Beratungsprozess sowie in der häuslichen Pflegeversorgung durch eine ganzheitliche Herangehensweise unterstützen können: Dazu gehört bspw. die thematische Integration digitaler Anwendungen (Apps, KI-Tools, Foren, AAL) in die Beratungsinhalte, die Anwendung digitaler Beratungsformate als solche (Blended Counseling) sowie der Aufbau von Verweisstrukturen zu Digitalkompetenzangeboten. Ausgangspunkt ist das Interreg-Projekt DiKomP, das u. a. darauf zielt, digitale Kompetenzen von Menschen mit Pflegebedarf und deren An- und Zugehörigen (Ratsuchende) auf versorgungsstruktureller Ebene zu fördern. Basierend auf Literatur- und Desktopanalysen wurden im Multiple-Methods-Design zunächst Workshops mit Pflegeberatenden in Deutschland und Österreich (n=38) durchgeführt. Darauf aufbauend wurden in einer Fallstudie ethnografische Ansätze mit Quartiersverantwortlichen, Senioren- und Angehörigenvertretungen iterativ kombiniert. Die qualitativen Daten sind inhaltsanalytisch und thematisch ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen Potenziale, aber auch zentrale Herausforderungen in der Beratungspraxis: fehlende Übersichten und Informationen zu Einsatzmöglichkeiten digitaler Tools, Unsicherheiten zu deren Nutzen und unzureichende Digitalkompetenz bei den Beratenden. Entlastungsmöglichkeiten digitaler Anwendungen für Ratsuchende werden besonders für Distance Caregiving antizipiert. Ein konzeptionell verankertes Blended Counseling hatte keine der beteiligten Beratungseinrichtungen. Seitens Ratsuchender fehlen häufig digitale Basiskompetenzen, weshalb niedrigschwellige Informations-, Erfahrungs- und Aneignungsräume im lokalen Umfeld als notwendig erachtet werden, auf die von (Pflege-) Beratenden verwiesen werden kann. Aus den Gesamtergebnissen entstand ein praxisorientierter Entwicklungsrahmen mit drei zentralen Handlungsfeldern: Ethisch fundierte Leitplanken der Weiterentwicklung, Förderung von Digitalkompetenz (Beratende und Ratsuchende) und die digitale Gestaltung des Beratungskontexts (Beratungsinhalt und Beratungsprozess). Trotz unterschiedlicher struktureller Rahmenbedingungen im D-A-CH Raum kann der Entwicklungsrahmen als unterstützendes Strategieinstrument dienen, um die digitale Transformation klinisch-sozialarbeiterischer Beratungsfelder ganzheitlich, interdisziplinär, sozialraumorientiert und zielgerichtet weiter zu entwickeln.

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